Film über das Schicksal eines tibetischen Pflegekindes - Wie aus Lhundub der Tibi wurde

Lhundup Tsering (Bild: Adrian Baer / NZZ)

Christina Neuhaus

An einem Julitag im Jahr 1963 kommt der siebenjährige tibetische Flüchtlingsbub Lhundub Tsering gemeinsam mit anderen Kindern auf dem Flugplatz Zürich an. Die Kinder haben sich während des langen Fluges in die Hosen gemacht, weil sie sich nicht getrauten, die Bordtoilette zu benutzen. Ihre Begleiter hatten ihnen gesagt, diese bestehe nur aus einem Loch, das sie in die Tiefe ziehen würde. Die Kinder denken, sie würden zusammenbleiben. Erst als sie sich in eine Reihe stellen müssen und ein Kind nach dem anderen aufgerufen und zu einer der wartenden Schweizer Familien gebracht wird, merken sie, dass sie in der Fremde getrennt werden.

Indien–Grüningen einfach

Mit der Ankunft in Kloten beginnt für den Bub das Leben in einer vollkommen fremden Welt. Noch wenige Tage zuvor hatte er in einem Heim für tibetische Flüchtlingskinder im nordindischen Dharamsala sein Bett mit anderen Kindern geteilt. Nun lebt er mit einer Professorenfamilie im neuen Eigenheim in Grüningen.

Der Zürcher Ueli Meier hat die Lebensgeschichte seines Freundes Lhundub Tsering, den heute alle Tibi nennen, in einem unaufdringlichen, aber unter die Haut gehenden Film festgehalten. 40 Jahre nach dessen Ankunft in Zürich begleitet Meier den heute 57-jährigen Tsering und seine Familie auf ihrer Reise nach Indien, wo sie die alt gewordene Mutter noch einmal besuchen wollen. Obwohl «Tibi und seine Mütter», der erfolgreich an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde und nun in Zürich anläuft, den Schwerpunkt auf das Kinderschicksal legt, enthüllt er wie beiläufig ein Stück beinahe vergessener Zeitgeschichte: Denn Lhundub Tsering war eines von 158 Tibeter Pflegekindern, die der Solothurner Industrielle Charles Aeschimann in den frühen sechziger Jahren in die Schweiz holen liess. Es war eine private Aktion, die mit dem Segen der zuständigen Behörden, aber ohne Billigung des Roten Kreuzes initiiert wurde. Auch der Schweizer Botschafter in Indien hatte früh an die Behörden appelliert und dazu aufgerufen, die Pflegekind-Aktion noch einmal zu überdenken. Denn von den 158 in die Schweiz gebrachten Heimkindern hatten nur 19 keine Eltern mehr. Alle andern besassen zumindest noch einen Elternteil.

Zu den berührendsten Momenten des Films gehören die Schilderungen von Lhundub Tserings heute 80-jähriger Mutter, die ihren Sohn nur widerstrebend ins Heim gab. Sie hatte auf der Flucht bereits ein Kind verloren und wollte ihre Kinder bei sich behalten. Doch das Strassenbau-Lager, wo sie zum Arbeiten hingeschickt wurde, war weit weg, und so gab sie ihren Sohn schliesslich schweren Herzens ins Kinderheim. Als sie erfuhr, dass er in ein fremdes Land gebracht worden war, brach für sie eine Welt zusammen. Bis sie ihren Sohn wiedersehen würde, sollten 15 Jahre vergehen.

Schweizer Tibet-Euphorie

Noch Wochen nach seiner Ankunft in Grüningen wurde Lhundub von seinen neuen Eltern und den Stiefgeschwistern mit dem falschen Namen angesprochen. Man sagte ihm «Döndub» oder «Dundub». Reden konnte man anfänglich kaum etwas miteinander. Doch er lernt schnell Schweizerdeutsch, und seine Adoptiveltern legen Wert darauf, dass er den Kontakt zu seiner Kultur nicht verliert und weiter Tibetisch lernt. Lhundub Tsering hat es gut getroffen mit seiner Pflegefamilie. Von seiner Stiefmutter, dem «Müeti», redet er bis heute mit Wärme und Hochachtung. Eine Mutter zum Umarmen konnte sie ihm bei aller Zuneigung und Gutherzigkeit aber nicht sein – durfte es wohl auch nicht sein. Im Film kommt auch sie ausführlich zur Sprache. Regisseur Ueli Meier begleitet Lhundub Tsering bei einem Besuch bei seiner Adoptivmutter und beobachtet sie in ihrem still gewordenen Alltag. Wie sie von ihrem Entschluss erzählt, zu ihren drei leiblichen Kindern noch ein viertes anzunehmen, von den Erfahrungen mit dem verschlossenen, unglücklichen Kind, enthüllt viel über das damalige Selbstverständnis.

In den Jahren nach der Flucht des Dalai Lama aus seiner Heimat genossen die Tibeter grosse Sympathien in der Schweiz. Im März 1963 bewilligte der Bundesrat die Einreise von 1000 Flüchtlingen. Es war das grösste Kontingent in Europa. Der Verein Tibeter Heimstätten und das Schweizerische Rote Kreuz wählten gemeinsam Familien aus, die dann in die Schweiz geholt wurden. Die Zeitungen – auch die NZZ – schrieben in überwiegend empathischem Ton über dieses freiheitsliebende Volk aus dem fernen Schneeland, dessen Abkömmlinge sich so problemlos und dankbar in die schweizerische Kultur einzufügen schienen. Auch die private Pflegekind-Aktion von Charles Aeschimann, die auf ein «Agreement» mit dem 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, zurückgeht, erhielt grosse Aufmerksamkeit. Der Zirkus Knie gab eine Gratisvorstellung für die Tibeter Pflegekinder und deren Eltern, und die Zeitschrift «Nebelspalter» berichtete darüber. Der Titel der Reportage lautete «Rendez-vous der Tibeterli».

Schattenseiten der Adoption

Man würde den Pflegeeltern und dem Initianten Aeschimann Unrecht tun, beurteilte man ihr Handeln aus heutiger Sicht. Sie meinten es gut und waren der aufrichtigen Überzeugung, vernachlässigten, schutzlosen Kindern eine neue Heimat zu geben. Die Schattenseiten dieser Verpflanzung sollten sich erst mit den Jahren zeigen. Auch Lhundub Tsering, der heute als Sozialpädagoge arbeitet, hat ein paar dunkle Jahre hinter sich. Doch er hat sich im Gegensatz zu vielen seiner ehemaligen Heim-Freunde gut in ein Leben zwischen zwei Kulturen gefügt. Von den 158 Aeschimann-Kindern hatten jedoch überdurchschnittlich viele mit Drogen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu kämpfen. Viele schieden durch Selbstmord aus dem Leben.

«Tibi und seine Mütter» läuft in Zürich am Sonntag, 10. Februar, 12 Uhr, im Kino Riffraff an. www.tibifilm.ch

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