Ehemalige Pflegekinder fordern Entschuldigung von CH Filmemacher

Treffen der Pflegekinder mit S. H. dem Dalai Lama

Es ist bedauerlich, dass fehlende Sorgfalt bei der Recherche und der ungebremste Wunsch eine brisante Schlagzeile zu liefern, eine kritische und ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema verhindert haben.

Wir, die Unterschreibenden, wollen mit unserer Darstellung, dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit korrekt informiert wird.

Zakay Reichlin, Tseten Allemann, Dorjee Phuntsok, Rinchen Reichlin, Yeshi Sigfried, Jamyang Reichlin (ehemalige Pflegekinder)

 

Die nachfolgenden Bemerkungen dienen zur Klarstellung der gröbsten Fehler im Bericht.

Das Kinderheim in Dharamsala war zu jener Zeit ein einfaches Haus, eigentlich ein Schlafsaal mit Kajüten-Betten, wo fünf bis sieben Kinder auf einer Matratze schliefen. Essen gab es oft nicht genug. Und es kamen immer mehr und mehr Kinder. Viele der Kinder litten an Krankheiten. Tuberkulose, Ekzeme aller Art, Mittelohrenentzündungen, schlecht heilende Wunden, Bandwurm etc. gehörten zum Alltag. Die sanitären Bedingungen waren unvorstellbar primitiv und mitverursachten eine enorm hohe Kindersterblichkeit. Ueli Meier und Marcel Gyr können sich das nicht vorstellen.

Unter diesen Bedingungen haben der Dalai Lama und die anderen tibetischen Verantwortlichen Lösungen gesucht, um die Not der Kinder und ihrer Eltern zu lindern.  Es begann damit, dass man Kinderheime aufbaute und die Ernährungssituation zu verbessern versuchte. Erst nach Jahren gelang es auch den letzten Tibetern, die im indischen Strassenbau arbeiten mussten, eine feste Bleibe zu finden.

Trotz dieser Not herrschte ein Optimismus und eine Hoffnung unter den Tibetern, dass mit einer besseren Ausbildung für diese Kinder, es den Tibetern gelingen könnte, die “Rückständigkeit” zu überwinden. In ganz Asien und in der dritten Welt herrschte damals die Vorstellung, dass dies in erster Linie mit moderner Bildung zu bewerkstelligen sei. Diese Vorstellung herrschte auch unter den damaligen tibetischen Verantwortungsträgern.

Wir wurden also in die Schweiz geschickt. Zum einen um der Not zu entfliehen und zum anderen eine solide Ausbildung zu erhalten. Wer die Bilder von uns damals  – Kinder die unter Bandwürmern, Läusen und Unterernährung litten – sehen würde, müsste sehen, wie die eigentliche Ausgangslage gewesen ist. Das mit Elitenbildung gleichzusetzen ist absurd.

Es gibt einen Briefwechsel zwischen dem Dalai Lama und Charles Aeschimann, der auch dem Filmemacher und der NZZ zur Verfügung gestanden hätte, der klar zeigt, dass man beim elterlichen Hintergrund der Kinder absolut transparent vorgegangen ist. In diesen Listen war dargestellt, wer von den Kindern Eltern besass und wer nicht.

Dass in der Notlage der frühen 60er der Dalai Lama eine Lösung suchte und mit Charles Aeschimann die Pflegekinder Aktion ins Leben rief zeugt für mich von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Auch dass die Pflegeeltern einen Vertrag unterschreiben mussten, um ein Kind zu bekommen zeugt von Weitsicht und Sorgfalt. Wir finden es beschämend, dass Charles Aeschimann und der Dalai Lama, die in einer Notlage halfen, nun als Kinderhändler dargestellt werden.

Marcel Gyr, schreibt über die „Pflegekinderaktion von Charles Aeschimann so, wie wenn die Bemühungen des Industriellen aus Olten auf der ganzen Linie eine sehr fragwürdige und nur auf persönliche Vorteile bedachte Aktion gewesen wäre und als ob die ganze Aktion eine unmenschliche Seite gehabt hätte. Um seine Aussage „Den Eltern entrissen“ zu unterstreichen bezieht er sich auf das vom Zürcher Filmemacher Ueli Meier „Tibi und seine Mütter“ dokumentierte Einzelschicksal. Darin wird das Schicksal eines solchen Pflegekindes in der Person vom 57-jährigen Tibi Lhundub Tsering gezeigt. Er war, so die Darstelllung im Film, 1963 seiner tibetischen Mutter, scheinbar ohne deren Wissen und Einverständnis entrissen worden.

Tatsache ist aber, dass wir, die wir damals in diesen Kinderheimen lebten, von unseren Familien ohnehin getrennt waren. Unsere Eltern haben uns in dieser Zeit in diese Kinderheime gebracht, weil sie, die vorwiegend im indischen Strassenbau arbeiteten, mit ihrer Arbeit die Familie nicht versorgen konnten.

In der Diskussion zum Artikel erinnerte sich ein ehemaliges Pflegekind: «Ich habe damals als Kind verstanden, dass ich in der Schweiz eine Chance erhalte, eine Ausbildung zu erhalten. Es war mir und meiner Familie klar, dass ich in Indien diese Möglichkeit nicht erhalte. Mein Vater hat mich bis zu meiner Abreise begleitet. Deshalb ist es für mich als Betroffener unerklärlich, wenn verallgemeinert behauptet wird, dass die Kinder von „Den Eltern entrissen“ wurden.»

Deshalb fragen wir uns, was man mit solchen tendenziösen Untertiteln wie „Ein privates Pflegekinder-Abkommen zwischen einem Schweizer Industriellen und dem Dalai Lama wirft lange Schatten“, bezwecken will. Warum, fragen wir uns, wird nach teils über 50 Jahren eine Sache, die hauptsächlich uns ehemaligen Pflegekinder und Pflegeeltern etwas angeht, von Medienschaffenden auf diese unsorgfältige Art und Weise aufgegriffen und aufgebauscht.

Man könnte nach diesem NZZ-Bericht den Eindruck erhalten, dass die Verantwortlichen der Aktion wie auch die inzwischen erwachsenen Pflegekinder sich nie kritisch und aktiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben.

Es ist ein Versäumnis des Artikels, dass das Treffen der Pflegekinder mit dem Dalai Lama in 2005 in Zürich im Bericht nicht erwähnt wird. An diesem Treffen wurde mit dem Dalai Lama und anschliessend mit seiner Schwester (Leiterin des Kinderheims) die Frage sehr offen erörtert, aus welchen Gründen die Aktion lanciert wurde, weshalb die Aktion gestoppt wurde und was getan werden kann, wie die ehemaligen Pflegekinder am besten am Leben der tibetischen Gemeinschaft teilhaben können. Gemeinsam mit unseren Pflegeeltern gab es ausserdem in den davor liegenden Jahrzehnten einige Gelegenheiten, mit dem Dalai Lama unsere Geschichte zu thematisieren.

Es ist klar, dass wir Schicksalsschläge zu bewältigen hatten:  Es betrifft den Einmarsch der Chinesen nach Tibet und die nachfolgende Flucht, die Trennung von unseren Eltern, die Ungewissheit, warum wir nicht mit den eigenen Eltern sind oder die erste Zeit in der Schweiz. Wir haben uns seit unserer Jugendzeit aktiv mit diesen Problemen auseinandergesetzt.  Wir empfinden es herablassend, dass man uns jegliche Kritikfähigkeit abspricht, nur weil wir keine “Entschuldigung” vom Dalai Lama im Sinne von Ueli Meier fordern.

Herr Ueli Meier hat am diesjährigen Treffen der ehemaligen Pflegekinder teilgenommen. Es ist doch einigermassen irritierend, weshalb er nicht den Mut aufgebracht hat, mit uns Pflegekindern über seine Meinung (Entschuldigungsforderung) zu diskutieren. Ueli Meier entwertet mit seinen unbegründeten Aussagen seinen eigenen Film und hinterlässt nun ein schales Gefühl.  Im Gegensatz zu Herrn Gyr sind wir auch nicht der Meinung, dass es Ueli Meier gelungen ist, ein “dunkles Kapitel Zeitgeschichte” zu beleuchten. Es drängt sich die Frage auf, ob da nicht jemand versucht, mit der Brechstange die Werbetrommel für seine DVD Edition zu puschen.

Charles Aeschimann hat mit seiner Initiative Hilfe geleistet, als Hilfe notwendig war. Herrn Aeschimann, der sich nicht mehr wehren kann, oder dem Dalai Lama, einen “Handel” zu unterstellen, grenzt an Verleumdung. Deshalb meinen wir, dass im Grunde genommen Ueli Meier gegenüber dem Dalai Lama, der Familie Aeschimann und den ehemaligen Pflegekindern eine Entschuldigung aussprechen müsste.

 

Stellungnahme zum Interview mit Migmar Raith:

„Ich kann die zwei Welten in Einklang bringen“ NZZ vom 12. September 2013

Ich möchte eine Erklärung zur Entstehung dieses.  Interviews geben. Dieses Interview basiert auf zwei Telefongesprächen im Juni und Juli, welche beide je eine Stunde gedauert haben. Im August hatte ich den Journalisten persönlich zu einem Gespräch in Zürich getroffen. Er konnte mir nie den Zeitpunkt des Erscheinens des Interviews voraussagen. So habe ich bis zum Erscheinen des Interviews vom Journalisten nichts mehr gehört und konnte die Endfassung des Interviews nicht gegenlesen.

Es war nie mein eigener Gedanke und überhaupt meine Absicht von SHDL eine Entschuldigung in dieser Sache der Pflegekinder-Aktion zu verlangen.

Ich habe dem Journalisten von der Privataudienz SHDL mit den Pflegekindern und den Schweizer Pflegeeltern 2005 in Oerlikon erzählt, bei der SHDL sich für die Anliegen der ehemaligen Pflegekinder Zeit genommen hat und auf kritische Fragen eingegangen ist und persönliche Erklärungen abgegeben hat. Darüber hat der Journalistin seinem Artikel leider überhaupt nicht berichtet.

Leserbrief von Migmar Raith

Mit grossem Erstaunen habe ich das Interview mit mir in der NZZ vom 12. September gelesen. Ich möchte hier festzuhalten, dass das Interview keine Autorisierung von mir erhalten hat.

Die tendenziöse Aufmachung und die Formulierungen im Schlussteil des Interviews entsprechen nicht meinen Gedanken. Es liegt mir nichts ferneres, als vom Dalai Lama eine Entschuldigung, in welcher Form auch immer, für die Tibeter-Pflegekinderaktion von 1961-1964 zu verlangen. Eine solche Forderung wurde im Artikel «Eine Entschuldigung des Dalai Lama wäre enorm wichtig» in der NZZ vom 11. September 2013 vom aussenstehenden Filmemacher Ueli Meier kundgetan.

In Gesprächen mit Marcel Gyr habe ich darauf hingewiesen, dass der Dalai Lama mehrmals in der Vergangenheit mit ehemaligen tibetischen Pflegekindern zusammengekommen ist, und sich dabei stets Zeit genommen hat, um sich mit uns über die aktuelle Situation und unseren Schwierigkeiten auszutauschen. Diese Begegnungen haben uns ehemaligen Pflegekindern die Gelegenheit geboten, den Dalai Lama über die damaligen Umstände in Indien zu fragen, die zur Pflegekinderaktion geführt haben. Des Weiteren hat der Dalai Lama die Pflegekindergruppe immer wieder aufgemuntert, sich in die tibetische Exilgemeinschaft in der Schweiz zu integrieren, und gleichzeitig hat er auch sein Vertretungsbüro in Genf sowie andere tibetische Organisationen aufgefordert, den Kontakt zu uns zu pflegen.

Vor diesem Hintergrund kann ich nur zum Schluss kommen, dass das gedruckte Interview mit Absicht gewisse Aussagen zurechtbog und mir dabei Gedanken und Äusserungen in den Mund gelegt wurden, die keineswegs meiner Haltung entsprechen, jedoch die Entschuldigungsforderung von Ueli Meier zu unterstreichen versucht.

Mit freundlichen Grüssen

Migmar W. Raith, Basel

 

Jeder hat sein “Bündeli” zu tragen!

von Yangchen Büchli, ehemaliges “Aeschimann-Pflegekind”, Ex-Präsidentin der GSTF

Die beiden Artikel zu den sogenannten “Aeschimann-Pflegekindern” aus Tibet hat mich sehr aufgewühlt, da ich als Betroffene ein Teil dieser 158 Kinder war.

Nun aber zu den Themen der zwei Artikeln: Ich fühle mich heute weder als eine Art Verdingkind noch als ein “Kind der Landstrasse”, das in einem “dunklen Kapitel schweizerischer Zeitgeschichte” in die Schweiz gekommen ist. Dunkel war die Situation in Tibet und Indien damals für die tibetischen Kinder infolge der chinesischen Besetzung ihrer Heimat.

Dass unter diesen Umständen S.H. der Dalai Lama das Angebot des Schweizers Ch. Aeschimann als Chance zur Ausbildung für tibetische Kinder aus Kinderheimen Indiens wahrnahm, kann ihm sicher niemand ernsthaft, nach über 50 Jahren, vorwerfen. Natürlich wurden damals noch keine umfassenden sozialpädagogischen Massnahmen (Carlos…) ergriffen, um die ankommenden Kinder zu coachen. Diese Aufgabe wurde den Pflegefamilien überlassen. Dass die Schweizer Behörden bei der Auswahl dieser Familien Herrn Aeschimann freie Hand liessen, kann man heute natürlich nicht mehr nachvollziehen.

Wir Kinder mussten die für uns schockartig in unser kindliches Leben tretenden  schweizer Familien erst mal verdauen. Aber neben den tragischen Fällen von Suiziden in unserer Gruppe und einigen problematischen persönlichen Entwicklungen, haben die meisten Pflegekinder ihren Weg in der neuen Schweizer Kultur gefunden und sind heute als Lehrinnen, Ingenieure, Pflegefachleute, Künstler, Sozialpädagogen, Händler etc. selbstverantwotliche Schweizer Mitbürger geworden.

Die ursprüngliche Idee, als Experten wieder in die tibetische Exilgemeinde Indiens zurückzukehren, konnte nicht verwirklicht werden, da sie unrealistisch war. Aber ich persönlich habe während den letzten 40 Jahren einen intensiven Kontakt zu meinen tibetischen Eltern gepflegt und so trotz sprachlichen Hindernissen emotional einen Ausgleich gefunden. Als Fortsetzung meiner Biografie haben mein schweizer Ehepartner und ich zu unserem leiblichen Sohn ein tibetisches Mädchen adoptiert.

Ich frage mich immer wieder: Wo wären viele meiner tibetischen “Aeschimann-Freundinnen und Freunde” und ich geblieben, hätten wir die frühe Chance, durch die inititative Handlung Seiner Heiligkeit, in die Schweiz zu kommen, nicht erhalten?

Und nun noch ein letzter Punkt: Der Dalai Lama solle sich bei mir als Pflegekind entschuldigen für seine Bemühungen vor über 50 Jahren um meine Zukunft! Aber hallo! Müssen sich Eltern noch als Grosseltern für Entscheidungen die sie für ihre Kindern nach bestem Wissen und Gewissen getroffen haben, bei ihren erwachsenen Kindern entschuldigen?

Woher nimmt eigentlich Filmemacher Ueli Meier das Recht, quasi im Namen der “Aeschimann-Kinder” diese Forderung aufzustellen?
Und abgesehen davon: Im Rahmen seines Besuches in der Schweiz hat S.H. der Dalai Lama 2005 in Zürich eine Privataudienz für alle “Aeschimann-Pflegekinder” durchgeführt. Diese 3-stündige Begegnung war sehr berührend und emotional abgelaufen. Ich fühlte eine sehr warme und väterliche Nähe, die Seine Heiligkeit uns “tibetischen Pflegekindern” entgegenbrachte. Es sind dabei auch sehr viele Tränen geflossen. Die Worte Seiner Heiligkeit an diesem Treffen waren mehr wert als eine geforderte “Entschuldigung”, da Seine Heiligkeit mit ihnen seine Verantwortung für unser Schicksal ansprach und so zu uns eine direkte Verbindung entstehen liess. Der Repräsentant des Dalai Lama in Genf, erhielt den persönlichen Auftrag, sich unserer Gruppe zu widmen.

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