Tibets Außenministerin: "Unabhängigkeit ist nicht das Ziel"

Die Presse: Wie erklären Sie die Dutzenden Selbstverbrennungen der letzten Jahre in Tibet?

Dicki Chhoyang: Seit 2009 haben sich 122 Menschen aus Protest gegen China selbst verbrannt – Mönche und Nonnen, Bauern, Studenten, Nomaden, Intellektuelle. Sie alle fordern die Rückkehr des Dalai Lama und Frieden. Die Tibeter leben in ständiger Angst, dürfen nicht ihre Meinung sagen, Chinas Regierung zerstört durch Bergbau-Projekte heilige Stätten. China reagiert auf Proteste mit noch mehr Unterdrückung. Wir versuchen die Tibeter von ihren drastischen Aktionen abzuhalten. Aber wir können die Politik nicht ändern, das müssen die Chinesen tun. Davon wollen wir sie überzeugen.

Aber es gibt ja keine Kontakte zur Regierung in Peking.
Die letzte Dialogrunde fand 2010 statt. Davor haben wir der Regierung in Peking eine „echte Autonomie“ für Tibet vorgeschlagen, einen „mittleren Weg“. Wir stellen uns vor, dass Verteidigung und Außenpolitik von Peking gesteuert wird, über Bereiche wie Sprache, Kultur, Religion, Umwelt oder Wirtschaft wollen wir bestimmen. 

Laut China ist Tibet bereits autonom. Die Regierung wirft euch Separatismus vor.
Tatsächlich haben wir damals ein zweites Dokument vorgelegt, um zu präzisieren, dass wir eine Lösung im Rahmen der chinesischen Verfassung anstreben. Die chinesische Regierung war empört, sprach von Separatismus durch die Hintertür. Deshalb bürgt der Dalai Lama persönlich dafür, dass wir die Bedingungen des Vertrages einhalten werden. Außerdem hat er garantiert, dass sich die Exilregierung auflösen werde, sollte es zur Autonomie kommen.

Sie wollen eine demokratische Verwaltung. Wie soll das innerhalb eines Ein-Parteien-Systems wie China möglich sein?
Es ist viel zu früh, um solche Details zu besprechen. Unser Plan sollte ja den Dialog anregen, wollte ein Vorschlag sein. 

Ihre Position ist auch unter Tibetern umstritten, viele wollen einen eigenen Staat.
Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen und Tibeter, die lieber die Unabhängigkeit hätten. Aber unsere ist die pragmatischere Position, der die Mehrheit der Tibeter zustimmt. Bestünden wir auf Unabhängigkeit, könnten wir nie die Unterstützung Chinas – oder der Welt – gewinnen. 

Ist Hongkong für Tibet ein Modell – nach dem  Prinzip „ein-Land-zwei-Systeme“?
Hongkong hat bewiesen: Wo es einen politischen Willen gibt, gibt es auch einen Weg. 

Der Vater von Chinas Staatschef Xi Jinping kannte den Dalai Lama und schätzte ihn offenbar. Könnte es unter Xi eine Änderung in der Tibet-Politik geben?
Es ist zu früh, um das zu sagen. Wir hoffen, dass Xi Jinpings familiäre Beziehungen zu mehr Verständnis für unsere Kultur beitragen. Eine Kultur, die in Gefahr ist, auszusterben. Wir wissen, dass es unterschiedliche Fraktionen in der Regierung gibt – liberalere und konservativere. Wer das Sagen haben wird, wissen wir nicht. 

Wie schätzen sie die derzeitigen Spannungen mit Japan ein?
Das ist eine sehr heikle Situation. Was wir  vor allem bemerken, ist ein wachsender Nationalismus. Vor allem bei der Tibet-Frage war China in dieser Hinsicht erfolgreich:  Sogar liberale, offene Chinesen werden sofort emotional und aggressiv, wenn es um Tibet geht. Dass Unabhängigkeit nicht unser Ziel ist, wissen die meisten gar nicht.

Der Dalai Lama hat 2011 alle politische Aufgaben der Exilregierung übertragen. Hält er sich wirklich aus der Politik raus?
Er hält sich strikt daran. Aber natürlich wenden wir uns manchmal an ihn. Er hat jahrzehntelange Erfahrung, kannte Menschen wie Mao Zedong. Er ist immer bereit, uns zu beraten. Aber nur, wenn wir danach fragen.

Zwei Generationen sind unter China aufgewachsen. Wie stark ist die tibetische Identität denn tatsächlich noch?
Tibetische Sprache wird zwar an Schulen unterrichtet, alle anderen Fächer sind aber auf Mandarin, durch die Ansiedlung von Han Chinesen ist Mandarin auch zur „Lingua franca“ geworden. Trotzdem wird das Identitätsgefühl stärker. Und dafür ist paradoxerweise die chinesische Regierung verantwortlich: Segregationsmaßnahmen während der Olympischen Spiele 2008 haben bewirkt, dass die Solidarität unter Tibetern gewachsen ist. Einmal in der Woche tragen Tibeter ihre traditionellen Kleider, sprechen ihre Sprache, kochen traditionelle Gerichte. Das ist ihre Art von passivem Widerstand.

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