Tibet: Erneute Selbstverbrennungen und forcierte Militarisierung

Nach gut einem Jahr unter der Führung von Staatschef Xi Jinping verzeichnet seine Politik in Tibet eine eindeutig negative Bilanz, so das Fazit eines aktuellen Berichts der International Campaign for Tibet (ICT). So waren die Tage um den 55. Jahrestag des tibetischen Volksaufstands von 1959, in denen die Tibeter gleichermaßen der Niederschlagung ihrer Proteste im Jahr 2008 gedenken, gezeichnet von einer Zurschaustellung militärischer Macht in Lhasa und anderen Teilen Tibets. Etikettiert als „Notfallübungen zur Erhaltung der Stabilität“ wurden diese auch im Staatsfernsehen verbreitet. In den offensichtlich dem Zweck der Einschüchterung dienenden Übungen paramilitärischer Einheiten kamen auch Geräte zum Einsatz, die speziell zum Ergreifen und Niederhalten von Personen entwickelt wurden, welche sich selbst in Brand gesetzt haben.

Dessen ungeachtet ereigneten sich am 16. März zwei weitere Selbstverbrennungen in Tibet. So setzte sich im osttibetischen Ngaba (chin.: Aba) ein junger Mönch namens Lobsang Palden auf der örtlichen Hauptstraße selbst in Brand. Wie „Radio Free Asia“ unter Berufung auf tibetische Exilquellen meldete, sollen Polizisten die Flammen gelöscht und Lobsang Palden weggebracht haben. Über seinen Zustand ist derzeit nichts Näheres bekannt. Dies gilt auch für die zweite Selbstanzündung, die sich den chinesischen Staatsmedien zufolge im nordosttibetischen Tsekhog (chin.: Zeku) in der verwaltungsmäßig zur Provinz Qinghai zählenden Tibetisch Autonomen Präfektur Malho (chin.: Huangnan) ereignete. Am 16. März gedenken viele Tibeter der Tötung unbewaffneter Protestierender im Jahr 2008 durch chinesische Sicherheitskräfte. Mindestens zehn Menschen sollen damals erschossen worden sein. Vermutlich aus diesem Grund hatten sich in den vergangenen Jahren mehrere Tibeter speziell diesen Tag als Datum ihrer Selbstverbrennung gewählt.

Besonders massiv fiel die Demonstration der staatlichen Macht während der traditionellen Gebetsfeste aus, die in Tibet dem Neujahrsfest Losar vorausgehen, dessen Beginn in diesem Jahr auf den 2. März fiel. Fotos davon finden Sie in der den ICT-Bericht begleitenden Fotogalerie auf der englischsprachigen Webseite der International Campaign for Tibet.

Trotz dieses einschüchternden Klimas haben Tibeter in zahlreichen Fällen mit Eingaben und Appellen gegen die Stationierung von Truppen in Klöstern und bei religiösen Zusammenkünften, aber auch gegen „Verschwindenlassen“ und Folter durch die Behörden protestiert. Alleine bei der jährlichen Sitzung der regionalen „Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes“ in der Provinzhauptstadt von Qinghai, Xining, im Januar sollen laut den Schätzungen tibetischer Quellen mehrere hundert Einzelpetitionen vorgelegt worden sein. In einigen Fällen stammten diese von Eltern, deren Kinder ohne jede Benachrichtigung der Angehörigen für Monate in Haft genommen oder gefoltert worden waren. Offensichtlich betonten die Petenten, dass sie mit einem rechtmäßigen Vorgehen der Behörden einverstanden wären, Folter und „Verschwindenlassen“ jedoch auch gegen chinesisches Recht verstießen.

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