Kriminalisierungskampagne nach 78 Selbstverbrennungen in Tibet

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) wirft Chinas Behörden vor, eine Kriminalisierungskampagne gegen Angehörige und Freunde von tibetischen Selbstmördern gestartet zu haben. Tibeter, die Opfern von Selbstverbrennungen nahe standen, werden gezielt eingeschüchtert, diskriminiert oder verhaftet. „Statt nach den Ursachen der Verzweiflungstaten zu suchen, soll das Ausmaß der Selbstmordwelle vertuscht werden. Nicht einmal die Trauer der Angehörigen wird respektiert, das ist menschenverachtend“, kritisierte der GfbV-Asienreferent Ulrich Delius am Freitag in Göttingen.

Mehrere Tibeter wurden wegen der Weitergabe von Informationen über Selbstverbrennungen inhaftiert oder zu Haftstrafen verurteilt. Kondolierenden Freunden wurde untersagt, Hinterbliebene zu besuchen, oder sie wurden mit der Streichung finanzieller Hilfen eingeschüchtert. Dörfer, in denen sich Tibeter selbst verbrennen, sollen nach nun bekannt gewordenen Dienstanweisungen künftig keine staatliche Unterstützung mehr erhalten. Mehreren Angehörigen wurden hohe Bestechungsgelder angeboten, damit sie in der Öffentlichkeit fälschlicherweise behaupten, die Verstorbene habe aus familiären Gründen den Freitod gesucht. In mindestens einem Fall wurde ein Ehemann verhaftet, weil er keine Falschaussage machen wollte. Die Behörden haben für alle Informationen über Selbstverbrennungen Belohnungen ausgesetzt.

Im Osten Tibets fanden die meisten Selbstverbrennungen statt. Dort gibt es ständig Verhaftungen, buddhistische Klöster werden lückenlos überwacht. Laut einer Dienstanweisung vom 14. November sollen in der Tibetischen Autonomen Präfektur Malho im Nordwesten der Provinz Qinghai alle Angehörigen tibetischer Selbstmörder drei Jahre lang keine staatlichen Hilfen mehr bekommen. Entwicklungsprojekte in Siedlungen, die Trauerfeiern für Verstorbene organisiert haben, werden eingestellt; Staatsangestellte, die den Angehörigen kondolieren, sollen entlassen werden.

Verhaftet wurde Anfang November Dhonue, der Ehemann der Tibeterin Dolkar Tso. Sie hatte sich am 7. August das Leben genommen. Dhonue ließ sich nicht bestechen und wollte auch nicht öffentlich erklären, seine Frau habe sich aus familiären Gründen getötet. Ein hohes Bestechungsgeld war im Oktober auch den Angehörigen des Selbstmörders Sangay Gatso angeboten worden. Sie sollten behaupten, der Tibeter habe sich nicht aus politischen Gründen umgebracht.

Mindestens sechs tibetische Mönche und ein Laie wurden Ende Oktober festgenommen, weil sie Informationen über Selbstverbrennungen weitergegeben haben sollen, unter ihnen die vier Mönche Topden, Lobsang Choephel, Losel und Tenzin Tsundu in der Präfektur Kanlho (Provinz Gansu) sowie Tsewang und Thubten Nyandak und der Laie Phurbu in der Präfektur Nagchu in der Autonomen Region Tibet. Die vier Mönche Tashi Gyatso, Kalsang Gyatso, Jigme Gyatso, Kunchok Gyatso aus dem Kloster Dokar (Provinz Gansu) wurden zwischen dem 14. und 17. Oktober inhaftiert, weil sie sich um ein Selbstverbrennungsopfer gekümmert und den Leichnam fotografiert hatten. Im Juni wurde der Mönch Lho Younten Gyatso in der Tibetischen Präfektur Ngaba (Provinz Sichuan) zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er Informationen über eine Selbstverbrennung an Exil-Tibeter im Ausland weitergegeben hatte.

Am 8. November hinderten chinesische Sicherheitsbeamte Mönche aus dem Kloster Ngoshul in der Präfektur Ngaba (Provinz Sichuan) daran, den Angehörigen von drei Selbstverbrennungsopfern zu kondolieren. Nicht nur das Kloster Ngoshul, sondern auch viele andere Klöster in den tibetischen Siedlungsgebieten der Präfektur Ngaba und in der Region Rebkong (Provinz Qinghai) wurden von Bereitschaftspolizei umstellt und immer wieder durchsucht.

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