Interview mit Lobsang Sangay

FOCUS Online: Sie gehören einer neuen Generation von Tibetern an. Was wird sich unter Ihrer Führung als Kopf der tibetischen Exilregierung ändern?

Lobsang Sangay: Ich werde alles dran setzen, dass das Leiden der Tibeter von der internationalen Gemeinschaft nicht vergessen wird. Ich setze die Politik der bisherigen Regierung fort, die echte Autonomie innerhalb der chinesischen Verfassung gefordert hat. Aber zugleich werde ich unverblümt die Ungerechtigkeiten der Besatzung in Tibet anprangern wie die kulturelle Assimilierung, wirtschaftliche Marginalisierung, Umweltzerstörung und politische Unterdrückung.

FOCUS Online: Wie wollen Sie die chinesische Führung an den Verhandlungstisch zwingen? Sie hält Ihre Regierung für illegal.

Sangay: Wenn die chinesische Regierung von Illegalität redet, lenkt sie vom eigentlichen Thema ab. Nämlich, dass die Menschen in Tibet unfrei sind und ihre Führer nicht selber wählen können. Wenn hier etwas illegal ist, dann ist es die Besetzung durch China. Ich bin demokratisch legitimiert, für das tibetische Volk zu sprechen, während der Sekretär der KP in der Autonomen Region Tibet nie ein Mandat des Volkes bekommen hat. Im übrigen habe ich in den 16 Jahren als Dozent an der Harvard-Universität sieben größere Konferenzen zum Thema Tibet mit chinesischen Studenten und Dozenten organisiert. Wir sind bereit, mit der chinesischen Regierung zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort zu reden.

FOCUS Online: Die tibetische Exilregierung ist aber auch vom Westen nicht anerkannt.

Sangay: Die internationale Gemeinschaft ist moralisch und politisch verpflichtet, sich mit der Situation in Tibet auseinanderzusetzen. Wir begrüßen die Interventionen in den arabischen Staaten oder an der Elfenbeinküste. Und wir fordern die Gemeinschaft dazu auf, auch bei uns zu intervenieren.

FOCUS Online: Wie? Etwa militärisch?

Sangay: Nein. Mit friedlichen Mitteln. Tibet muss zu einem ernsthaften Thema in Verhandlungen mit China gemacht werden, und zwar auf der Ebene von Premierministern und Präsidenten.

FOCUS Online: Gleicht Ihr Kampf nicht dem einer Maus gegen einen Elefanten? Wer aus dem Westen riskiert den Unwillen Chinas?

Sangay: Elefanten fürchten Mäuse, weiße nämlich. Und wir Tibeter sind die weißen Mäuse. Die chinesische Regierung reagiert zum Beispiel auf meine Wahl nervös, weil wir nun eine demokratische legitimierte Exilregierung haben und sie eine Besetzung ohne jedes Mandat hat. Als Mahatma Gandhi seine Bewegung gegen das britische Empire führte, hat sicher jemand gesagt: „Wie könnt ihr das wagen?“ Das Empire war damals das mächtigste Land der Welt. Als Nelson Mandela für Demokratie in Südafrika kämpfte, hat er bestimmt ähnliches gehört. Ebenso wie Martin Luther King bei seinem Kampf gegen die Apartheid.
Und trotzdem ist das alles wahr geworden. Auch die Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten haben viele vorher für unmöglich gehalten. Und wer hätte geglaubt, dass die Berliner Mauer fallen und Deutschland sich wiedervereinigen würde? Manchmal kann sich die Maus eben gegen den Elefanten durchsetzen. Eines Tages werden auch wir Tibeter – unter anderem mit der Unterstützung Deutschlands – siegen. Die Kanzlerin ist eine starke Anwältin für die Freiheit, denn sie weiß, was es bedeutet, im Kommunismus zu leben. Ich war übrigens ein paar mal in Deutschland. Als ich neben der Berliner Mauer stand, hab ich mir selber geschworen: Eines Tages werden wir Tibeter auch so einen Mauerfall erleben.
FOCUS Online: Jüngere Tibeter sind radikaler und fordern statt Autonomie Unabhängigkeit.

Sangay: Mich haben auch viele junge Leute gewählt. Ich kann deren Frustration verstehen, denn seit fast 20 Jahren haben wir keinen Durchbruch in Gesprächen erreicht. Trotzdem wollen wir weiterhin das Problem innerhalb der chinesischen Verfassung lösen. Ich will mein Bestes tun, die jungen Leute von diesem pragmatischen Weg zu überzeugen. Natürlich wird das nicht einfach sein. 2008 haben sich Tibeter in ganz Tibet erhoben, und die chinesische Regierung hat viele erschossen, ins Gefängnis geworfen oder verschwinden lassen. Gerade hat sich ein Mönch in Ngaba (Sichuan) aus Protest gegen die Besatzung in Brand gesetzt. Wir haben zur Mäßigung aufgerufen, weil wir keine Opfer wollen. So etwas verschlechtert die Situation der Tibeter nur.

FOCUS Online: Sind die arabischen Revolutionen Modell für junge Tibeter?

Sangay: Wo immer Repression herrscht, gibt es Widerstand. Und in Tibet herrscht ständige Unterdrückung – also wird auch der Widerstand anhalten. Es ist eine gefährliche Situation, deshalb plädieren wir dafür, auf keinen Fall Gewalt einzusetzen.

FOCUS Online: Die Chinesen versuchen die Inkarnation des Dalai Lama nach dessen Tod zu beeinflussen. Wie wollen Sie sich dagegen wehren?

Sangay: Also erst einmal: Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, ist ausgesprochen gesund. Er steht morgens um 3.30 Uhr auf und meditiert für drei Stunden, abends das gleiche. Ich kann mit seinem Tagesablauf nicht mithalten, obwohl ich viel jünger bin. Wir werden erleben, dass er noch während seiner Lebenszeit nach Tibet zurückkehrt. Die Chinesen sind nicht legitimiert, seinen Nachfolger zu bestimmen. Sie sind Kommunisten und Atheisten und wollen einen religiösen Führer bestimmen. Das ist, als ob Fidel Castro den Papst ernennen würde. Religion ist Sache des Herzens und des Geistes, und für Tibeter ist sie essenziell. Die Idee der Inkarnation ist, dass der Inkarnierte die Vision und Mission des vorherigen Führers fortsetzt. Der Dalai Lama ist der einzige, der entscheiden kann, wo er wiedergeboren wird. Und er hat entschieden, im Exil wiedergeboren zu werden, wenn die Tibetfrage bis zu seinem Tod nicht gelöst ist. Das heißt, die chinesischen Anstrengungen sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die von ihnen ernannte Person – der Panchen Lama – hat nicht die notwendige Autorität.

FOCUS Online: Sie hätten als Anwalt in den USA Karriere machen und viel Geld verdienen können ...
Sangay: Für mich ist es eine Ehre und ein Privileg, dem tibetischen Volk zu dienen. Meine Eltern haben ein ähnliches Schicksal wie viele tibetische Familien. Mein Vater war Mönch, und sein Kloster wurde 1966 von der Roten Armee zerstört. Der Bruder meiner Mutter ging nach Tibet, um gegen die Armee zu kämpfen. Er ist nie zurückgekehrt, er wurde wahrscheinlich getötet. Die Hinterlassenschaft meiner Familie ist der Freiheitskampf.
Ich will dieses Erbe fortsetzen, allerdings mit friedlichen Mitteln. Meine Eltern haben damals in Indien sogar eine Kuh verkauft, damit ich zur Schule gehen konnte. Es macht Sinn, nach Indien zurückzukehren und vielleicht noch viele andere so wie mich nachzuziehen. Dann können wir eine effektive Bewegung schaffen, um unsere Interessen durchzusetzen. In einer Rechtsanwaltskanzlei könnte ich in der Tat eine Menge Geld verdienen. In Dharamsala werde ich gerade mal 400 Dollar im Monat bekommen.

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